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Die Dunkle Zeit - und wozu sie uns einlädt

  • mareikeheinze
  • 12. Dez. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Wenn das Licht so merklich schwindet, wie um diese Jahreszeit, stellt die Natur keine Fragen, was das für sie bedeutet.


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Wir Menschen haben zu großen Teilen so sehr verdrängt oder vergessen, dass wir Teil der Natur sind, dass wir in dieser zunehmenden Dunkelheit entweder Hilflosigkeit erfahren oder gar nicht daran denken, dass diese Veränderung im Außen auch eine Bedeutung für uns hat.


Elektrisches Licht verhindert, dass wir darüber nachdenken, auf wie vielen Ebenen die Dunkelheit eigentlich wirkt. Was heißt es denn für uns, wenn ein Tag immer weniger helle Stunden hat?


Wären wir noch näher im Kontakt mit unseren Wurzeln, würde es bedeuten:

Ich sehe zu gewissen Zeiten draußen nicht mehr viel – also gehe ich nach drinnen, wo es sicher und warm ist.

Dunkelheit bedeutet auch, dass es kälter ist – also rückt die Gemeinschaft näher zusammen, um sich Wärme zu spenden.

In der Dunkelheit und Kälte kann ich nicht arbeiten wie sonst – also finde ich vermehrt Ruhe und Schlaf.

In der dunklen Zeit kommt auch das Außen zur Ruhe – das heißt, es gibt nichts zu verpassen und ich habe Zeit, den Fokus auf mich selbst zu legen.

Wenn es dunkel ist, wirkt ein kleiner Lichtschein umso kostbarer und zauberhafter – also feiere ich diesen besonderen Zauber, indem ich der Dunkelheit ihren Raum lasse und kleine Lichter entzünde.


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Die Dunkle Zeit ist die Atempause auf dem Rad des Lebens. Es ist die Zeit, um den wilden Farbenwirbel des Jahres in Ruhe zu betrachten und den vergangenen Ereignissen nachzuspüren. Es ist die Zeit, zu lauschen – nach innen und auf Vergangenes. Deshalb werden in dieser Zeit auch Geschichten und Märchen erzählt. Sie bilden eine Brücke zu uns selbst, vereinfachen uns den Blick nach innen.


Hetzen wir durch diese Zeit, weil wir uns von Weihnachtsstress, Vorbereitungen und dem Alltag unreflektiert ablenken lassen, verlieren wir genau die Ruhephase, die es uns ermöglicht, kraftvoll, gesammelt und reifer in den neuen Jahreskreis zu gehen.


Wie oft macht auch uns Erwachsenen die Dunkelheit noch Angst?

Hast du jemals darüber nachgedacht, woran das liegen könnte?

Werfen wir einmal wieder einen Blick zurück zu unseren Vorfahren, wird vieles deutlicher:

Im Dunkeln draußen nichts sehen zu können, hieß, angreifbar und verletzlich zu sein. Wir Menschen haben gegenüber nächtlichen Jägern einen deutlichen Nachteil, wenn uns das Licht fehlt.

Dunkelheit bedeutete auch Orientierungslosigkeit. Und ging man um diese Jahreszeit draußen verloren, war es sehr wahrscheinlich, schon aufgrund der Kälte die Nacht nicht zu überleben.

Also achtete man auf das Tageslicht, für seine Rückkehr – und es wurden Kerzen und Laternen vor die Häuser und in die Fenster gestellt, um den Weg zu weisen.

Wenig oder nichts sehen zu können, bedeutet immer, mit dem Unbekannten konfrontiert zu sein. Und wir Menschen lieben es, die Kontrolle über uns und unsere Umgebung zu haben. Es gibt uns Sicherheit. Wie einschneidend ist es also, wenn wir plötzlich keine Gewalt mehr darüber haben, wie viel wir rings um uns her erkennen können?



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Unweigerlich werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass wir verletzlich sind. Dass wir wirklich klein sind, im Vergleich zu den Bewegungen der Gestirne über unseren Köpfen und den Gesetzen der Natur. Wir kommen so deutlich und spürbar in Kontakt mit dem Konzept der Vergänglichkeit, dass es uns manchmal zu überwältigen scheint.

Wenn ein Teil von uns plötzlich begreift, dass das Leben ist, wie die wenigen hellen Stunden des Tages, bevor auch schon wieder die Nacht hereinbricht...


Und das ist der Punkt, an dem viele Menschen von Furcht, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung ergriffen werden. Weil diese Gefühle genau dort aufkommen...und weil wir unser Verständnis für die größeren Bewegungen und Kreisläufe verloren haben. Denn an diesem Punkt aufzuhören, zu denken, ist genauso unpassend, wie das Jahr oder den Lebenskreis gedanklich im Sommer zu beenden.


Was folgt denn auf diese tiefe Dunkelheit und die lange Nacht? Im Jahreskreis und in der Natur ist es seit Urzeiten immer und immer wieder eines: die Wintersonnenwende.

Die längste, und dunkelste Nacht, in der das alte Jahr endgültig stirbt, ist im gleichen Zuge die Wiedergeburt des Lichts.

Eine Konstante, an der es nichts zu rütteln gibt - die ebenfalls viel größer ist, als wir.


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Mit diesem Gedanken, mit dieser Sicherheit, mit diesem unerschütterlichen Versprechen...können wir es da wagen, der Dunkelheit zu begegnen, anstatt sie zu vertreiben? Können wir es wagen, uns ganz von ihr überschwemmen und einhüllen zu lassen? Können wir uns erlauben, zu begreifen, dass die Dunkelheit der Ursprung allen Lebens ist und wir in ihr sicher und geborgen sind, wie wir es einst im Leib unserer Mutter waren?


Ich lade dich ein, der Dunklen Zeit einmal mit diesen Gedanken zu begegnen. Dir zu erlauben, dich in dieser Zeit zu entwickeln, dich tragen zu lassen. Ich lade dich ein, diesen Prozess bewusst wahrzunehmen, während du darauf vertrauen darfst, dass du gemeinsam mit der Sonne in den neuen Jahreskreis eintauchen wirst.


Was hat dich in diesem Jahr sehr bewegt? Was war schwer? Und wie bist du hindurch gegangen?

Was war leicht, hat dich getragen und dir Kraft gegeben?

Was hat dich zurückgehalten und darf sich wandeln?

Wie war dein Verhältnis zu dir selbst, in diesem Jahr? Wie bewusst hast du dich wahrgenommen?

Und was hat das für dein Verhältnis zu deiner Familie bedeutet?

Wie nahe wart ihr euch und wo war Distanz?

Was hat all das mit dir gemacht und wohin lässt es dich wachsen?

Wer war der Mensch, den du am Anfang des Jahres im Spiegel gesehen hast...und wer ist da jetzt, wenn du nach innen schaust?

Wer möchte sich dort gerade entwickeln?


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Wie wäre es, wenn du jeden Abend für eine Weile das elektrische Licht löschst, einige (wenige) Kerzen anzündest und bewusst die Dunkelheit wahrnimmst? Lass dich fallen, lass dich einhüllen, begegne diesen Fragen und auch den Emotionen, die dabei aufkommen wollen. Lass die Bewertungen beiseite. Nimm einfach nur wahr. Ganz offen. Und geh’ mit dem, was sich zeigt und dich bewegt. Du bist nicht mehr der selbe Mensch, der du vor 12 Monaten warst. Und jetzt ist die Zeit, gemeinsam im Rhythmus mit der Natur ganz achtsam zu schauen, wer du bist.



 
 
 

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